Weltweit sind Hochschulen auch in demokratischen Systemen im Fall autoritärer Entwicklungen bzw. eines democratic backsliding mit z.T. drastischen Freiheitseinschränkungen konfrontiert. Ähnliche Dynamiken wurden bislang für das deutsche Hochschulsystem weitgehend ausgeschlossen. Erbeten werden für das Themenheft 1/2027 der Zeitschrift „die hochschule“ bis zum 6.4.26 Abstracts für empirische, theoretische und historisch informierte Beiträge, die deutsche Hochschulen als demokratische Institutionen analysieren, Risiken autoritärer Entwicklungen identifizieren und Potenziale sowie Strategien institutioneller Resilienz und Gegenwehr ausloten, auch in international vergleichender Perspektive.
Autoritäre Dynamiken und die Wehrhaftigkeit deutscher Hochschulen: Strukturen, Risiken und Strategien
Die Forschungs- und Lehrfreiheit an Hochschulen in den USA befindet sich seit Beginn der zweiten Administration Donald Trumps massiv unter Druck – Hochschulen werden über executive orders und ein zunehmend dichter geknüpftes „web of control“ legislativer Maßnahmen politisch reguliert und zensiert (Reid et al., 2026). Für viele Demokratien weltweit sind ähnliche Elemente eines democratic backsliding (Haggard & Kaufman, 2021; Lewandowsky et al., 2025) bzw. einer autoritären Entwicklung (Boese et al., 2021) mit teilweise drastischen Freiheitseinschränkungen auch im Hochschulbereich zu konstatieren (Kinzelbach et al., 2025). Das gilt auch für Mitgliedsstaaten der Europäischen Union (z.B. Maassen et al., 2025).
Ähnliche Dynamiken wurden bis in die jüngste Zeit für das deutsche Hochschulsystem vor allem unter Verweis auf den im Grundgesetz garantierten Schutz der Wissenschaftsfreiheit weitgehend ausgeschlossen. Inzwischen werden allerdings auch hier potenzielle wie aktuell stattfindende Einschränkungen sondiert und vergleichend debattiert (z.B. Blümel, 2024; Gärditz, 2022; Schäfer, 2024; Schimank et al., 2024).
Bislang erst randständig erforscht ist jedoch, inwiefern deutsche Hochschulen, die gerade in ihren Lehraufgaben nicht zuletzt im Hochschulrahmengesetz auf einen „freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat“ (§2 Abs. 1 Satz 1 HRG) verpflichtet sind, diese umsetzen und ihre Freiheiten wie Autonomiespielräume nutzen (z.B. Behm, Kohler & Pasternack, 2025). Offen ist zudem, inwieweit sie sich gegenüber autoritären Zugriffen und Vorkommnissen als resilient erweisen. Vor diesem Hintergrund widmen die Gastherausgeber:innen das Themenheft 1/2027 der Zeitschrift die hochschule der Erforschung des Themenkomplexes autoritärer Dynamiken und Wehrhaftigkeit von Hochschulen.
Übergreifend interessieren wir uns zum einen für die Ausleuchtung, Konkretisierung und Prüfung des (Selbst-)Verständnisses von Hochschulen als demokratische und demokratisierende Institutionen. Bislang werden deutsche Hochschulen zwar tendenziell als per se demokratische Räume wahrgenommen (z.B. Behm, 2025). Jüngste Studien deuten jedoch darauf hin, dass Reaktionen von und an Hochschulen auf demokratiefeindliche Bestrebungen eher durch Tabuisierungen, Ratlosigkeit und Unentschlossenheit gekennzeichnet sind (z.B. Haker & Otterspeer, 2025). Damit eng verbunden interessiert uns zum anderen die Beschreibung und Analyse von (strukturell bedingten) Schwachpunkten und Gefährdungen, denen sowohl Hochschulmitglieder als auch Hochschulen als Organisationen im Kontext autoritärer Entwicklungen bereits ausgesetzt sind oder prospektiv sein könnten. Damit verbunden gilt es, (strukturelle) Potenziale von Wehrhaftigkeit ebenso zu identifizieren wie konkrete Gegenmaßnahmen, die in Deutschland, aber auch international erprobt sind oder gerade erprobt werden. Dabei betrachten wir das Handeln von und an Hochschulen integrativ, also in ihrer Verflechtung mit (stadt-)gesellschaftlichen wie politischen Akteuren und richten das Augenmerk entsprechend auch auf Allianzen und Alliierte, die für die Verteidigung gegen Angriffe mobilisiert werden.
Für das Themenheft werden Einreichungen zu folgenden Schwerpunkten und Fragen erbeten:
Bestandsaufnahmen von Hochschulen als demokratische Institutionen:
- Welche rechtlichen und strukturellen Rahmenbedingungen an Hochschulen fördern/hindern ihre Gestaltung als demokratische Einrichtungen und die Umsetzung ihres demokratischen Bildungsauftrags? Wo liegen auf der Ebene von Hochschulsystem und Hochschule strukturelle Schwachstellen, über die – etwa bei der Regierungsbeteiligung rechtsextremer Parteien auf Landes-/Bundesebene – Wissenschaftsfreiheit und/oder Hochschulautonomie ausgehöhlt werden könnten?
- In welcher Spezifik erweisen sich deutsche Hochschulen als demokratische Institutionen, könnten sich dessen aber auch bewusster werden? Wo sind sie alltäglich anfällig für menschenfeindliche Gesinnungen oder gezielte Angriffe? In welchen Situationen und Fällen zeigen sich Hochschulen bislang als überfordert?
- Welche Spannungen sind Hochschulen und dem Handeln ihrer Mitglieder in Bezug auf eine demokratische Gestaltung inhärent? Zum Beispiel zwischen der Selbst-/Wahrnehmung als politisch neutrale Räume (‚Neutralitätsgebot‘) und der Bindung der Lehre an die demokratische Verfassung. Wie lassen sich diese Spannungen bearbeiten?
- Wo bleiben Hochschulen als demokratische Einrichtungen bislang unter ihren Möglichkeiten und aus welchen Gründen? Das betrifft etwa soziale Unwuchten, z.B. beim Hochschulzugang, oder die Gestaltung studentischer Partizipation und organisationaler Mitbestimmung.
Potenziale der Wehrhaftigkeit:
- Welche Strategien und Maßnahmen zur Vorbeugung oder Abwehr von Risiken autoritärer politischer Entwicklungen für Hochschulen werden bereits entworfen und erprobt? Von Interesse sind hier besonders die organisationale Ebene (z.B. Researcher Support Consortium, 2024), die Unterstützung für individuelle Wissenschaftler:innen (z.B. SciComm Support, 2023, Nationales Institut für Wissenschaftskommunikation, 2025) sowie integrierte Maßnahmen.
- Welche Möglichkeiten der Vorbeugung und geeigneten Reaktion erproben Hochschulen und ihre Mitglieder im Kontext autoritärer Entwicklungen außerhalb Deutschlands? Wo lagen dabei die neuralgischen Punkte? Wir interessieren uns für vergleichende (auch historisch informierte) Untersuchungen sowie für Einzelanalysen insbesondere bisher wenig beforschter Regionen.
- Welche Einsichten in das Verhältnis von Hochschulen und Demokratie bietet vor dem Hintergrund der aufgespannten Fragen der Blick in die deutsche Geschichte? Von Interesse sind hier vor allem Phasen politischer Systemwechsel und Übergänge, z.B. vom Kaiserreich in die Weimarer Republik, von Weimar zum NS-Regime, von diesem zu den Nachkriegsverhältnissen in West- und Ostdeutschland oder zur Transformationszeit nach 1989/90.
Die Zeitschrift die hochschule versteht sich als Ort für Beiträge und Debatten der Hochschul-, Wissenschafts- und Bildungsforschung. Das Themenheft ist ausdrücklich offen für unterschiedliche disziplinäre wie theoretische und methodische Zugänge.
Abstracts (maximal 4.000 Zeichen) werden bis zum 6. April 2026 erbeten. Neben einer Kurzbeschreibung von Thema, theoretischem und methodischem Ansatz sollten Affiliation und Kontaktmail des/der Autor:in enthalten sein. Die Auswahlentscheidung erfolgt bis Mitte Mai 2026. Angesichts der Dringlichkeit der Thematik werden wir die Volltexte der ausgewählten Beiträge bis Ende September 2026 erbitten. Das Erscheinen des Themenhefts ist für das erste Quartal 2027 vorgesehen.
Kontakt
Dr. Andreas Beer ∙ PD Dr. Britta Behm
Die Abstracts wie auch etwaige Nachfragen richten Sie bitte an die folgende Mailadresse:
Andreas Beer | andreas.beer@hof.uni-halle.de | Website
Britta Behm | britta.behm@hof.uni-halle.de | Website
Literatur
Behm, B., Kohler, U., & Pasternack, P. (Hrsg.) (2025): Schafft Wissen Demokratie? Gesellschaftlich-demokratische Teilhabe als Dimension des Studienerfolgs. Wiesbaden: Springer VS. https://doi.org/10.1007/978-3-658-48981-6
Behm, B. (2025): Demokratisierung durch Studium? Einleitende Sondierung des Forschungsfeldes. In Behm, B. Kohler, U., & Pasternack, P. (Hrsg.): Schafft Wissen Demokratie? Gesellschaftlich-demokratische Teilhabe als Dimension des Studien-erfolgs. Wiesbaden: Springer VS, 1–37. https://doi.org/10.1007/978-3-658-48981-6_1
Blümel, C. (2024). Anfeindungen gegen Forschende. Eine repräsentative Studie des Projekts KAPAZ. Kurzdossier für die Berichterstattung. Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschafts-forschung (DZHW).
Boese, V. A., Lindberg, S. I., & Lührmann, A. (2021). Waves of autocratization and democratization: A rejoinder. De-mocratization, 28(6), 1202–1210. https://doi.org/10.1080/13510347.2021.1923006
Fabian, G., Fischer, M., Hamann, J., Hofmann, A., Koch, M., Schimank, U., Thompson, C., Traunmüller, R., & Villa, P.-I. (2024). Akademische Redefreiheit: Kurzbericht zu einer empirischen Studie an deutschen Hochschulen. Deutsches Zentrum für Hochschul- und Wissenschaftsforschung (DZHW).
Gärditz, K. F. (2022, October 23). Wehrhafte Hochschulen und Wissenschaftsfreiheit. Verfassungsblog. https://verfassungsblog.de/wehrhafte-hochschulen-und-wissenschaftsfreiheit/.
Gillies, J. (2023). The Authoritarian Elephant Next Door?: A Canadian and Comparative Perspective Amidst American Demo-cratic Backsliding & Uncertainty. American Behavioral Scientist, 67(5), 598–611. https://doi.org/10.1177/00027642221103182
Haker, C., & Otterspeer, L. (2025). Rechtspopulismus und Rechtsextremismus in Hochschulen (OBS Papiere No. 83). Otto Brenner Stiftung.
Haggard, S., & Kaufman, R. (2021). Backsliding: Democratic regress in the contemporary world. Cambridge University Press.
Kinzelbach, K., Lindberg, S. I., Lott, L., & Panaro, A. V. (2025). Academic Freedom Index. Update 2025 (p. 1379). Friedrich-Alexander-Universität Erlangen-Nürnberg (FAU) & V-Dem Institute. https://doi.org/10.25593/open-fau-1637
Lewandowsky, S., Kempe, V., Armaos, K., Hahn, U., Abels, C. M., Wibisono, S., Louis, W., Sah, S., Pagel, C., Jankowicz, N., DiResta, R., Markolin, P., Schönemann, H., Hertwig, R., Crull, H., Mauer, B., Holford, D., Lopez-Lopez, E., & Cook, J. (2025). The Anti-Autocracy Handbook: A Scholars’ Guide to Navigating Democratic Backsliding. Zenodo. https://doi.org/10.5281/zenodo.15696097
Maassen, P., Elken, M., & Jungblut, J. (2025). De facto Academic Freedom in the European Union – Threats and Trends. European Review, 1–16. https://doi.org/10.1017/S1062798725000134
Nationales Institut für Wissenschaftskommunikation (2025). Optionen im Umgang mit Angriffen im Netz. Nationales Institut für Wissenschaftskommunikation. https://www.nawik.de/wp-content/uploads/2025/06/Leitpfad-Angriffe-in-Netz-inkl.Quellen_V2.pdf.
Reid, A., Friedman, J., Benitez, L., & Sachs, J. A. (2026, January 15). Expanding the Web of Control. PEN America. https://pen.org/report/americas-censored-campuses-25-web-of-control/.
Researcher Support Consortium. (2024). Toolkit for Institutions. https://researchersupport.org/wp-content/uploads/2024/09/RSC_Toolkit_V2.pdf.
Schäfer, K. (2024). Schwerpunkt: Wissenschaftsfreiheit unter Druck. Zeitschrift für Politikwissenschaft, 34(3), 373–378. https://doi.org/10.1007/s41358-024-00394-6
Schimank, U., Ash, M. G., Quack, M., Gläser, J., Husung, H.-G., Krull, W., & Weingart, P. (2024). Grundsätze und Empfehlungen zur Wahrung und Förderung der Wissenschaftsfreiheit in Deutschland. Berlin-Brandenburgische Akademie der Wissenschaften.
Scicomm Support. (2023). Leitfaden Umgang mit Angriffen und unsachlichen Konflikten in der Wissenschaftskommunikation (p. 15).
Scicomm Support. https://www.hiig.de/project/wissenschaftsfeindlichkeit-kapaz/.
